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NOZ-Beitrag: Ausbildung mit Förderbedarf: Diese jungen Leute bekommen eine Chance

Liebe zu Tieren hilft über körperliche Beeinträchtigungen und Lernschwächen hinweg - Artikel von Sandra Dorn.

Ostercappeln/Osnabrück. Es gibt Jugendliche, die kaum eine Chance haben, nach der Schule eine reguläre Ausbildung zu schaffen. Manche haben körperliche, andere seelische Beeinträchtigungen oder Lernschwächen. Zwei junge Leute aus dem Kreis Osnabrück sind trotzdem auf dem besten Weg in einen Job – in der Landwirtschaft.

Leon Moers' Arbeitstag startet morgens um 7 Uhr auf dem Hof Beckmann nahe des Kronensees der Gemeinde Ostercappeln. Heike Beckmann holt den 18-jährigen Förderschulabsolventen von der Bushaltestelle ab, und dann geht es für ihn direkt in den Stall: Der junge Mann versorgt die Kälber, schiebt Futter an, macht die Tränken sauber und schaut, ob alle gesund sind. "Leon ist im Praktischen super", sagt Heike Beckmann. "Er liebt Tiere." 

Volle Unterstützung

Seit zwei Jahren geht Leon Moers auf dem Hof Beckmann in die Lehre. 550 bis 600 Bullen halten die Beckmanns. "Mein Vater war auch Landwirt, bei ihm bin ich immer mitgefahren", erzählt Leon Moers. Was ihm am meisten Spaß macht? "Die Arbeit mit den Tieren." Werker in der Landwirtschaft möchte Leon werden, und bei Beckmanns bekommt er dazu noch vollen Familienanschluss. Das fängt beim gemeinsamen Frühstück um 7.30 Uhr an und endet nachmittags mit dem Erledigen der Hausaufgaben von der Berufsschule. Denn dabei braucht er Unterstützung. Die Ausbildung ist zwar theoriereduziert, aber trotzdem muss Leon Moers ein Berichtsheft pflegen. 

Die Beckmanns achten darauf, dass Leon genügend Zeit für die Theorie hat und wiederholen mit ihm, was in der Schule durchgenommen wurde. Landwirt Jürgen Beckmann ist also nicht nur sein Chef. Er nimmt ihn an die Hand, damit er seine Ausbildung schafft. Dafür Beckmann eine umfangreiche rehabilitationspädagogische Zusatzqualifikation gemacht. Er lernte, Lernbehinderungen zu verstehen und damit umzugehen, wenn die Azubis einfach etwas länger brauchen, um die Inhalte draufzuhaben. "Leon hatte gerade seine erste drei", berichtet Beckmann stolz.

Unter den Azubis seien viele junge Leute, die in der Schule viel Frust erlebt hätten, berichtet Doris Falk-Heuer, Geschäftsbereichsleiterin der beruflichen Maßnahmen. Es gebe zunehmend welche mit psychischen Beeinträchtigungen, teils mit Depressionen. "Sie hätten sonst keine Chance auf einen Abschluss", sagt Falk-Heuer. Die Eltern würden es oft als Herabstufung empfinden, wenn sie über die Agentur für Arbeit eine solche Reha-Ausbildung starten, für die eine Behinderung, sprich ein Reha- oder sonderpädagogischer Förderbedarf festgestellt werden muss. 

Aber das heiße ja nicht, dass er oder sie dumm sei, betont Landwirt Beckmann. "Der eine hat halt seine Stärken in der Theorie, der andere in der Praxis." Eine Reha-Ausbildung ist auch möglich im Bereich Gartenbau und Hauswirtschaft, dann allerdings ohne Anbindung an einen Betrieb, sondern aktuell angesiedelt bei der evangelischen Jugendhilfe in Osnabrück. 

Zu viel Stress

Nicht alle Auszubildenden haben eine Lernschwäche. Die 20-jährige Sina Droppelmann etwa hatte nach ihrem Hauptschulabschluss zunächst eine normale Ausbildung zur Landwirtin begonnen. Auch sie liebt Tiere, erzählt sie, vor allem Pferde. Ihr Tag startete in ihrer ersten Ausbildungsstelle morgens um fünf Uhr mit drei Stunden Kühemelken. Bis abends um 20 Uhr war sie im Stall, erzählt sie. Sie wurde krank und ist jetzt nicht mehr so leistungsfähig. "Körperliche Belastungen sind schwierig", sagt sie. Dann wechselte sie zur kooperativen Werker-Ausbildung an einen Hof in Melle. Hier hat sie weniger Stress und macht Mitte Juli ihren Abschluss. "Ich will auf jeden Fall weiter mit Tieren arbeiten", sagt sie. Aktuell steckt sie mitten in der Bewerbungsphase.

Die Berufschancen sind gut; Landwirte haben es derzeit schwer, an gut ausgebildetes Personal zu kommen. "Zu 90 Prozent werden sie einen Job finden", ist Landwirt Jürgen Beckmann sicher. "Wir brauchen nicht nur Akademiker, sondern vor allem Leute, die mit Herz bei der Sache sind." Seine Frau Heike unterstreicht: "Wir merken, ob Leon da ist oder nicht." 

Die Agentur für Arbeit finanziert die sogenannte kooperative Ausbildung, in der die Landwirtschaftskammer und die beruflichen Maßnahmen der Diakonie in Stadt und Landkreis Osnabrück mit rund 15 Betrieben wie dem Hof Beckmann zusammenarbeiten. Für die Beckmanns ist Leon Moers alles andere als eine billige Arbeitskraft. "In dem Burschen ist so viel Potenzial", sagt Jürgen Beckmann. "Ich habe einfach Spaß daran, junge Leute auf die Zukunft vorzubereiten." 

Leon hofft, auch nach dem Ende seiner Ausbildung auf dem Hof bleiben zu können. Im September beginnt sein drittes und damit letztes Ausbildungsjahr. 

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