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Medienpädagogisches Konzept für die stationäre Kinder- und Jugendhilfe

Interview mit Jon Hoffmann, Sozialpädagoge und systhemischer Familientherapeut im Kinder- und Jugendwohnen am Schölerberg sowie Nico Hilbrink, Freizeitpädagoge im Haus am Schlehenbusch und Leiter der Medien AG.

Seit Mitte des letzten Jahres gibt es in der stationären Kinder- und Jugendhilfe ein medienpädagogisches Konzept, das die Alltagsrealität von Kindern und Jugendlichen im Umgang mit der digitalen Welt aufgreift. Ziel des Konzeptes ist es, die Nutzung digitaler Medien bewusst und reflektiert in die pädagogische Arbeit zu integrieren. Medien sollen dabei nicht als Störfaktor, sondern als Ressource für die Persönlichkeitsentwicklung, aber auch Bildung, Freizeit und kreative Ausdrucksmöglichkeiten verstanden werden. Ute Albers, und Nico Hilbrink haben das Konzept maßgeblich mitentwickelt.

DIOS: Liebe Jon, lieber Nico, die Nutzung digitaler Medien ist in den letzten Jahren zur Selbstverständlichkeit geworden und fester Bestandteil des Alltags. War die Erarbeitung eines Konzeptes die logische Konsequenz oder gab es einen bestimmten Anlass?

Nico: Wie schon angesprochen, haben digitale Medien und deren Nutzung einen festen Platz in unserer heutigen Welt und prägen den Lebensalltag unserer Klient*innen täglich und maßgeblich. So sehe ich es als logische Konsequenz und unsere Aufgabe, uns genauer mit diesem Thema zu befassen und eine pädagogische Haltung dazu zu entwickeln. Ein Anlass, der uns bestimmt weiter dazu ermutigt hat, uns mit dem Thema zu beschäftigen, war eine Fortbildung des Smiley e.V., an der Fachkräfte aus allen Bereichen der Erziehungshilfen teilgenommen haben.

Jon: Unser erster Reflex war bis zu dieser Fortbildung, mit Regeln, Schutz, Kontrolle zu reagieren. Uns wurde klar, dass das zu kurz greift und wir unsere Haltung ändern müssen. Aus den Wohngruppen wurde ebenfalls nach Orientierung und Handlungsmöglichkeiten gefragt. Als unsere Kinderschutz- und Sexualpädagogischen Konzepte fertig waren, haben wir uns dann an diese Aufgabe gemacht.

DIOS: An welchen Leitlinien orientiert sich das Konzept und gibt es diesbezüglich einen Unterschied zum Leben in der analogen Welt?

Nico: Die Leitlinien des Konzeptes decken sich grundsätzlich mit denen anderer Konzepte. In der Medienpädagogik ist es wichtig, dass die Fachkräfte sich empathisch in die Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen hineinversetzen und ernsthaftes Interesse zeigen für die Orte, an denen sie sich befinden.

Jon: Für uns war ein entscheidender Aha-Moment, die Konflikte nicht anders, als in der physischen Welt anzugehen. Wenn ein*e Jugendliche*r zu uns kommt und uns Mobbing im Klassenchat zeigt, dann ist es nicht richtig zu sagen, „Geh doch einfach aus der Chat-Gruppe raus“. Der Jugendliche würde sich nie wieder an uns wenden. Wir sagen ja auch nicht, wenn ein Grundschulkind uns von Ärger auf dem Schulhof berichtet: „Geh doch in der Pause auf die Toilette“. Uns war wichtig, dass wir Chancen und Risiken der Nutzung digitaler Medien gleichwertig nebeneinander stellen. Wie auch in anderen pädagogischen Themen geht es nicht um das Festhalten an starren Regeln, sondern um fallbezogene Interventionen, die sich an bestimmten ethischen Leitplanken orientieren.

DIOS: Welche Chancen und Risiken sind aus eurer Sicht die bedeutendsten bei der Nutzung digitaler Medien für eure Jugendlichen in der stationären Kinder- und Jugendhilfe?

Nico: Große Chancen sehe ich in unserer Arbeit im Beziehungsaufbau und der Freizeitgestaltung. Wir sollten die Medien nicht verteufeln, sondern gezielt für uns nutzen, um in Kontakt mit unseren Jugendlichen zu treten. Für eben diese bedeutet die Mediennutzung Kontaktaufbau und soziale Teilhabe über verschiedenste Apps, die Kommunikation ermöglichen. Ebenso bieten Spiele etc. die Möglichkeit, sich kreativ auszuleben und sich zu connecten.

Bei der Nutzung der Medien bestehen dabei natürlich vielerlei Gefahren. Seien es Fake News in Chatportalen oder Abofallen von Spielen. Hierbei sehe ich es als unsere Aufgabe an, die Jugendlichen auf eben diese Gefahren hinzuweisen und sie auf dem Weg der Verselbstständigung dafür zu sensibilisieren.

Jon: Medienkompetenz ist eine Fähigkeit, die alle Menschen erwerben müssen, sonst können sie irgendwann keinen Pass mehr verlängern und kein Konto führen. Und dann gehört es auch dazu zu erkennen, was eine Phishing Mail ist.

Die Risiken sind vor allem Cyber-Grooming, Mobbing, Schuldenfallen und Sucht. Die Gefahr, süchtig nach der permanenten Dopamin Ausschüttung zu werden, ist groß. Daneben spielen Risiken, die mit der unbedachten Freigabe eigener Daten im Netz einhergehen können, eine Rolle. Bis sie Social Media nutzen (die Altersgrenze liegt ja aktuell bei 13 Jahren), müssen wir die Kinder und Jugendlichen fit machen! Darüber hinaus beraten und begleiten.

DIOS: Wie wird das Konzept ganz konkret im Alltag gelebt? Wo und wie ist es sichtbar und spürbar? Das schriftliche Konzept bildet lediglich den Rahmen. Es beschreibt die Leitplanken.

Nico: Da die Medien sowieso zum Alltag sowohl von uns, als auch von den Jugendlichen gehören, bieten sich genau hier gute Ansatzpunkte. Sich die Zeit nehmen und dem Jugendlichen bspw. beim Minecraft spielen zugucken und Interesse am Spiel zeigen und nachfragen, was er/sie tut. Verstehen und sich einbringen wollen in die Lebenswelt und Lebenslagen, die heutzutage oftmals Online stattfinden. Eine Runde Fortnite dauert noch 5 Minuten, das Essen ist allerdings fertig. Zeige ich Verständnis und warte 5 Minuten oder muss in den 5 Minuten eine Diskussion entstehen, die die Beziehung negativ beeinflussen kann? Ich bin der Überzeugung, dass wir vielen banalen Konflikten im Alltag durch ein besseres Verständnis und Bewusstsein aus dem Weg gehen und dadurch den Alltag positiv beeinflussen können.

Jon: Zum Konzept gehört eine permanent arbeitende AG. Sie ist zusammengesetzt aus Mitarbeitenden und Kindern und Jugendlichen aller Wohngruppen. Sie ist ein Ort, an dem Probleme diskutiert werden, z.B.: „Wie geht ihr mit heimlichen Film- und Tonaufnahmen um?“ Die AG sammelt außerdem Informationen im Netz, hält diese aktuell und stellt sie zur Verfügung. Mit dem Material können konkrete Themen z.B. auf Gruppenabenden besprochen werden oder sie liefern wertvolles Wissen im Umgang mit einem konkreten Problem, das ein*e Jugendliche*r anspricht. Wir können dann zusammen forschen, was ein Weg zur Lösung sein könnte.

Weiterhin werben wir gerade um Kinder und Jugendliche, die sich zu Medien-Scouts ausbilden lassen, um Peer to Peer Beratung in ihren Gruppen anzubieten.

DIOS: Wie erreicht ihr bei den Jugendlichen eine hohe Akzeptanz des Konzeptes und der daraus ggf. resultierenden Regeln? Wie bedeutend ist Partizipation der Jugendlichen?

Jon: Bereits zu Beginn stand fest, dass dieses Konzept, um erfolgreich zu sein, nur zusammen mit den bei uns lebenden Kindern und Jugendlichen entwickelt werden kann. Dazu wurde zu Beginn der Konzepterstellung eine Umfrage bei allen Bewohner*innen und Mitarbeitenden durchgeführt. Zum medienpädagogischen Arbeitskreis sind interessierte Jugendliche grundsätzlich eingeladen, um hier mitgestalten zu können. Partizipation ist die Grundvoraussetzung für Akzeptanz. Die Kinder und Jugendlichen möchten ihre Freiheiten haben. Dennoch brauchen sie manchmal Ansprechpartner. Eine akzeptierende Grundhaltung und eine gute Beziehung sind wie bei allen anderen Problemen auch die Grundlage für Vertrauen.

Nico: Wir haben nicht Regeln, sondern gemeinsam 10 Basics entwickelt, die eher sensibilisieren. Diese werden gemeinsam mit der AG weiterentwickelt. Da steht z.B. „Hast Du ein komisches Gefühl bei Internetseiten oder Kontakten und Kontaktanfragen, antworte und reagiere nicht darauf und scheu Dich nicht davor, einen anderen Jugendlichen, Deine Eltern oder einen Betreuer um Rat zu fragen“. Darüber hinaus gibt es individuelle Absprachen (z.B., dass eine unter 14- Jährige ihr Handy nachts abgeben muss), je nach Alter und Nutzungsverhalten, die aus der Hilfeplanung resultieren. Und klar, die finden Jugendliche nicht immer toll.

DIOS: Welche Rolle spielen Eltern und Schule? Wie funktioniert die Einbindung in die Medienarbeit?

Nico: Auch unsere Kooperationspartner in der pädagogischen Arbeit digitalisieren sich zunehmend. In Zeiten von „Home Schooling“, IServ und SchülerOnline gehören diese Bereiche im Gruppendienst zum Alltag. Auch Schulen haben dabei oft eigene Regelungen zur Nutzung digitaler Geräte in ihren Räumlichkeiten. Ein stetiger Austausch beider Seiten ist dabei wünschenswert. Eltern sind oft besorgt über das Nutzungsverhalten ihrer Kinder. Wir erklären Eltern bereits in den Vorstellungsterminen unserer Haltung und unseren Umgang, auch dafür bietet das Konzept Anhaltspunkte. Manchmal gibt es Unterschiede zwischen der Haltung der Eltern und unserer, dies ist auch in anderen Erziehungsbereichen der Fall. Ein konstruktiver Austausch und ein Aushandlungsprozess, z.B. über die Hilfeplanung, muss dann erfolgen.

Eltern informieren uns auch manchmal über zu freizügige Postings oder anderes Verhalten, dass ihre Kinder in den sozialen Medien zeigen. Dann ist es unsere Aufgabe, die Eltern zu unterstützen, ihre Sorgen selber mit den Kindern zu besprechen. Manchmal ist es auch umgekehrt und die Eltern haben eine erzieherische Haltung zum Medienkonsum ihrer Kinder, der uns als Fachkräfte besorgt. In jeden Fall wollen wir zum einen unsere Haltung deutlich machen und begründen, aber vor allem in den permanenten Austausch gehen, um sich im Sinne eines gemeinsam zu erzielenden erzieherischen Kompromisses einander annähern zu können.

DIOS: Wie steht ihr zu aktuellen Diskussion um das Verbot Sozialer Medien unter 16 Jahren?

Jon: Unter dem Aspekt der Suchtgefahr empfinden wir den Schutzgedanken als sehr nachvollziehbar. dennoch haben wir eher die Haltung, uns gemeinsam mit den Jugendlichen den Problemen zu stellen und stark zu werden. Zu lernen, das eigene Nutzungsverhalten zu steuern. Ein Verbot würde den Erziehungshilfen außerdem ein weiteres Problem bescheren, wir wären verpflichtet, es durchzusetzen. Das ist keine günstige Ausgangslage, um dann partizipativ für die tatsächlichen Risiken zu sensibilisieren und zu beraten.

DIOS: Die Medienwelt verändert sich nahezu täglich. Welche Bedeutung hat das für das Konzept und die darin beschriebene Medienkompetenz der pädagogischen Fachkräfte?

Jon: Genau das war der Grund, warum wir gesagt haben, das wichtigste Element ist die AG und die Partizipation der Jugendlichen. Die im Konzept verfassten Leitlinien haben längerfristig Bestand. Die Anforderung an die Fachkräfte, am Ball zu bleiben und immer neue technische Möglichkeiten zu verstehen, ist sehr groß.

Nico: Für uns als AG bedeutet das Tempo, dass wir sehr regelmäßig in den Austausch gehen und über Entwicklungen reden müssen. Das voneinander und miteinander Lernen steht dabei im Vordergrund, z.B. im Bereich KI. In einer schnelllebigen, dynamischen Welt mit „Was ist „In“?“ und „Was ist „Out“?“ liegt es auch an uns, dass wir uns als Fachkräfte entsprechend fortbilden und eine Medienkompetenz entwickeln, updaten und vorleben können. Dazu gehören sowohl das technische „Know How“, als auch das dazugehörige Arbeitsmaterial. Es sollte regelmäßige Fortbildungen und Treffen geben, um dieser stark dynamischen Welt gerecht zu werden. Den Grundstein dazu haben wir mit diesem Konzept gelegt.

(Interview aus dem Jahresbericht 2025)

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