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10 Jahre Ausstellung „Rosenstraße 76“ – Ein Jahrzehnt Aufklärung, Sensibilisierung und Prävention gegen häusliche Gewalt

Mit einer feierlichen Veranstaltung lud das Fachzentrum FAUST der Diakonie Osnabrück Stadt und Land ein, das zehnjährige Bestehen der Ausstellung „Rosenstraße 76“ zu würdigen. Zahlreiche Gäste aus kooperierenden Fachdiensten, Vertretende aus Stadt und Landkreis Osnabrück und engagierte ehrenamtlich Mitarbeitende kamen zusammen, um auf ein Jahrzehnt wichtiger Präventions- und Aufklärungsarbeit zurückzublicken und zugleich den Blick nach vorn zu richten.

Zum Auftakt der Feierstunde hob Burkhard Teschner, Geschäftsbereichsleiter der Gefährdetenhilfe, in seiner Begrüßung die besondere Bedeutung des Jubiläums hervor: Einerseits sei es schön, gemeinsam auf Erreichtes zurückzublicken, andererseits weise die alltäglich stattfindende innerfamiliäre Gewalt darauf hin, dass es die Ausstellung weiterhin dringend brauche, um auf die für Betroffene belastenden und oft sogar lebensbedrohenden Situationen hinzuweisen. Kompetente Handlungsstrategien und Unterstützungsangebote müssen für alle erkennbar sein.

In einem Videogrußwort unterstrich die niedersächsische Innenministerin Daniela Behrens die gesellschaftliche Relevanz des Projekts. Zehn Jahre „Rosenstraße 76“ stünden für zehn Jahre engagierte Arbeit vieler Menschen, die sich gegen häusliche Gewalt einsetzen. Gewalt geschehe häufig hinter ganz normalen Wohnungstüren – oft unsichtbar für die Öffentlichkeit. Statistisch erlebe jede dritte Frau im Laufe ihres Lebens häusliche Gewalt. Die tatsächliche Zahl liege jedoch deutlich höher, wie aktuelle Dunkelfeldstudien des Bundesfamilienministeriums zeigen. Genau hier setze die Ausstellung an: Sie mache sichtbar, was sonst verborgen bleibt. Besucherinnen und Besucher dürfen Schränke öffnen, hören Nachrichten auf dem Anrufbeantworter ab und blättern durch Kalender und Tagebücher.  Dabei werde deutlich: Gewalt hat viele Gesichter – es gebe eindeutige Hinweise auf körperliche, psychische, soziale, sexuelle und ökonomische Bedrohungen.

Die interaktive Form der Ausstellung wirkt nachhaltig. Sie rüttelt auf, sensibilisiert und zeigt zugleich Wege aus der Gewalt auf. Innenministerin Behrens wies darauf hin, dass Prävention mit Aufmerksamkeit und Aufklärung beginne. Dafür brauche es Information, gesellschaftliche Sensibilisierung und niedrigschwellige Hilfsangebote.

Auch André Stallo, Schulleiter der Berufsbildenden Schulen der Stadt Osnabrück am Pottgraben, betonte in seiner Ansprache die Ambivalenz des Jubiläums: Es sei schlimm, dass das Thema weiterhin so aktuell sei. Zugleich sei es aber positiv zu sehen, wie viele Menschen regelmäßig erreicht und sensibilisiert werden können. Er gratulierte den Mitarbeitenden der „Rosenstraße 76“ und begrüßt weiterhin die gute, bewährte Nachbarschaft.

Eine Ausstellung mit Wirkung

Die Zahlen aus zehn Jahren Ausstellungsarbeit sprechen für sich: Fast 20.000 Besucherinnen und Besucher, über 1.200 Führungen und kontinuierlich wachsende Anfragen wurden verzeichnet. In diesem Zusammenhang betonte Teschner, dass die Finanzierung der Einrichtung auch langfristig gesichert werden muss, um weiterhin die wichtige Präsenz im Bildungswesen zu gewährleisten. Die für die Opfer reale Gefährdungslage und die regelmäßigen Gewalttaten erforderten neben Opferhilfe, Strafverfolgung und Täterarbeit eine offensive Aufklärung und eine solidarische Haltung. Er wünscht sich einen Pool von Sponsoren, die das Hinschauen unterstützen wollen und es als gemeinschaftliche Aufgabe begreifen, sich für diese gesellschaftliche Herausforderung auch finanziell zu engagieren.

Im Gespräch mit Barbara Kemper, Projektleitung „Rosenstraße 76“, wurde die kontinuierliche Weiterentwicklung der Ausstellung reflektiert. Neue Hinweise in leichter Sprache oder das Pflegezimmer, welches sich mit Gewalt in der Pflege beschäftigt, sind Anpassungen an aktuelle Entwicklungen und finden großen Zuspruch bei den Besuchenden.

Doch die Ausstellung wirkt nicht nur durch ihren Informationsgehalt, sondern gerade auch durch persönliche Begegnungen. Für Barbara Kemper und das Team der Ehrenamtlichen bringe jede Führung besondere Momente mit sich. Ob Schulklassen, Fachkräfte oder offene Besuchergruppen: „Jede Gruppe ist anders. Viele Besucher*innen sind zunächst eher verhalten. Doch im Laufe der Führung oder im Nachgespräch entstehen oft sensitive Momente des Erkennens. Sie beginnen Fragen zu stellen oder eigene Erfahrungen zu reflektieren. Genau hier setzt Prävention an.“

Nach diesen Einblicken präsentierte ein Ensemble des Ersten unordentlichen Zimmertheaters eine Szene aus dem Theaterstück „72 Stunden – eine Anklage“, die beim Publikum großen Anklang fand und die emotionale Betroffenheit zu diesem Thema eindrucksvoll unterstrich.

In abschließenden Worten betonte Christiane Mollenhauer, Geschäftsführung Beratung, Behandlung und Betreuung der Diakonie Osnabrück, dass die Ausstellung Menschen zum Innehalten und zum Hinschauen im Alltag bewege. Sie schaffe es, Menschen zu berühren und zum Handeln anzuregen. Ihr besonderer Dank galt dem Team der „Rosenstraße 76“ sowie allen Kooperationspartnerinnen und -partnern und ehrenamtlich Engagierten. Ohne dieses gemeinsame Engagement wäre dieses Angebot nicht möglich. Prävention beginne heute zunehmend früher: Schon Kinder lernen, Grenzen zu setzen und „Stopp“ zu sagen. „Gemeinsam gehen wir voran“, so Mollenhauer.

Beim gemeinsamen Kaffee nutzen die Gäste im Anschluss die Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch und gemeinsamen Ausblick auf die weiteren Handlungsbedarfe.

Von Wanderausstellung zur Dauerausstellung: Die Entstehung des Projekts „Rosenstraße 76“

Die Wurzeln der Ausstellungen reichen über 20 Jahre zurück. Als Wanderausstellung konzipiert war sie 2011 erstmals auch für 12 Tage in Osnabrück zu sehen. Die Resonanz so immens, dass der Wunsch entstand, die Rosenstraße 76 hier als feste Einrichtung dauerhaft zu etablieren. Auf Initiative des Ev.-luth. Kirchenkreises Osnabrück und in Kooperation mit der Polizeiinspektion Osnabrück sowie den Beratungs- und Interventions-stellen bei häuslicher Gewalt (BISS) in Stadt und Landkreis Osnabrück konnte das ambitionierte Projekt in Trägerschaft der Diakonie Osnabrück Stadt und Land auf den Weg gebracht werden. 

Seit März 2016 ist die „Rosenstraße 76“ nun in Form einer Dauerausstellung in den Berufsbildenden Schulen (BBS) der Stadt Osnabrück am Pottgraben 4 zu besichtigen. Jeden ersten Samstag im Monat gibt es um 11:00 Uhr auch ohne Anmeldung die Möglichkeit zum Ausstellungsbesuch.

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