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Freiheit und Selbstbestimmung: Diakonie Osnabrück setzt sich für eine ethisch verantwortbare Lockerung in der sozialen Arbeit ein

Kindertagesstätten werden ihr Betreuungsangebot erweitern. Schulen weiten ihren Betrieb aus und in Pflegeheimen sollen Besuche im begrenzten Maß wieder ermöglicht werden. Die Umsetzung solcher Lockerungen muss nach Auffassung der Diakonie Osnabrück ethisch ausgewogen geschehen. „Gerade als Wohlfahrtsunternehmen, das sich auf christliche Werte gründet, ist uns die ethische Dimension der Entscheidungen ganz besonders wichtig“, sagt Friedemann Pannen, theologischer Geschäftsführer der Diakonie Osnabrück.

In einem Positionspapier hat die Geschäftsführung der Diakonie Osnabrück ihre Überzeugungen zu Lockerungen von Besuchsverboten in Pflegeheimen, Öffnungen von Kindertagesstätten und der Wiederaufnahme von Beratungsangeboten zusammengefasst. „Dabei kommt es uns darauf an, keine abschließende Entscheidung zu treffen. Vielmehr beschreiben wir die Widersprüchlichkeiten, die wir derzeit erleben und entwickeln Grundlagen, auf denen begründete Entscheidungen möglich sind.“

Den Lockdown verteidigt die Diakonie Osnabrück als eine notwendige Maßnahme, durch die das Gesundheitssystem Zeit gewonnen habe, sich auf die Pandemie vorzubereiten. „Auch wir konnten uns in den letzten Wochen mit notwendigem Schutzmaterial versorgen, Quarantäneplätze einrichten und Hygienekonzepte anpassen, so dass wir viel besser gewappnet sind als zu Beginn der Pandemie“, begründet Pannen die Notwendigkeit der harten Beschränkungen von Freiheitsrechten auch für die Bewohner, Klientinnen, Angehörigen und Eltern von Kindern der Diakonie Osnabrück. „Jetzt aber müssen die Lockerungen mit viel Bedacht durchgeführt werden, damit die Menschen, die wir betreuen, nicht länger als nötig unter der Situation leiden.“ Dazu müssten Betroffene zu Beteiligten gemacht werden. „Es entspricht unserem diakonischen Selbstverständnis, dass wir nicht über die Köpfe unserer Bewohnerinnen und Klienten hinweg entscheiden.“

Die Diakonie Osnabrück fordert in ihrem Neun-Punkte Programm u.a. regional und lokal differenziertes Vorgehen. Nicht alles müsse in Deutschland überall gleich gemacht werden.

Besuchsregelungen in Pflegeheimen müssten ein nächster behutsamer Schritt auf dem Weg zu einer neuen Normalität sein. „Jede Woche, in der Bewohnerinnen und Bewohner ihre Angehörigen nicht sehen, wirkt angesichts des hohen Lebensalters der Betroffenen besonders schmerzhaft“, weiß Pannen zu berichten. „Das Selbstbestimmungsrecht der Pflegebedürftigen darf nicht länger als unbedingt nötig zugunsten des unbedingten Schutzes von Leben eingeschränkt werden.“

Die Diakonie fordert auch einen anderen Umgang mit dem Virus selbst: „Leben mit Covid-19 bedeutet noch für geraume Zeit auch Sterben mit, an und wegen Covid-19. Das müssen wir akzeptieren“, sagt der Theologe. „Uns würde es schon sehr helfen, wenn nicht hinter jedem Todesfall in einer Pflegeeinrichtung ein Versagen der Organisation gewittert würde. Die öffentliche Skandalisierung von Todesfällen in Pflegeheimen verkennt, dass in diesen Tod und Sterben zum Alltag gehören.

Auch die psychologische Beratungsarbeit leide unter den gegenwärtigen Bedingungen. „Therapeutische Prozesse dürfen nicht länger als nötig durch Abstandsgebote, Maskenpflicht und digitale Technik eingeschränkt werden. Sonst gefährden wir deren Erfolge, was sehr großen Schaden nach sich ziehen würde“, heißt es in dem Positionspapier der Diakonie.

Wir sind für eine baldige und verantwortungsvolle Ausweitung der Notbetreuungsplätze, um Eltern zu entlasten und Kinder zu fördern“, fordert Pannen angesichts der aktuellen Debatten. Auch dafür würden ausreichend Testmaterial, Antikörpertests und umfassende Studien der Infektionszusammenhänge von Kindern benötigt. Die Gefahren, die aus einem zu langen Lockdown rühren, könnten und dürften nicht unterschätzt werden. „Auch in diesem Bereich wird man die Risiken der Infektionswahrscheinlichkeit vor dem Hintergrund möglicher Beeinträchtigungen der frühkindlichen Entwicklung stets neu bewerten müssen.“

Schließlich ist der Diakonie Osnabrück wichtig, dass Pflegerinnen und Erzieherinnen dauerhaft angemessen bezahlt würden. „Das hohe Maß an Verantwortung dieser Berufsgruppen für andere wird gerade jetzt sichtbar. Pflegerinnen und Erzieherinnen müssen im Verhältnis zu vergleichbaren Ausbildungsberufen angemessen vergütet werden“, fordert der theologische Geschäftsführer der Diakonie Osnabrück. Das sei nicht nur eine Aufgabe der Arbeitgeber und Pflegekassen, sondern eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung.

Das Positionspapier als PDF

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